5.1   Definition: Konjunkturpolitik  
  5.2   Aufgaben der Konjunkturpolitik  
  5.2.1   Ziele der Konjunkturpolitik: "Magisches Viereck"  
  5.2.2   Zielbeziehungen innerhalb des "Magischen Vierecks"  
  5.3   Arten der Konjunkturpolitik  
  5.4   Fiskalpolitik  
  5.4.1   Fiskalpolitische Instrumente  
  5.4.2   Arten der Fiskalpolitik  
  5.4.3   Probleme der Fiskalpolitik  
  5.4.3.1   Inflation  
  5.4.3.2   Deflation  
  5.5   Grundkonzepte der Konjunkturpolitik  
  5.5.1   Nachfrageorientierte Konjunkturpolitik  
  5.5.2   Angebotsorientierte Konjunkturpolitik  
  5.6   Stabilisatoren  

5.1 Definition: Konjunkturpolitik

Unter Konjunkturpolitik versteht man alle wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, die Konjunktur zu glätten (verstetigen) und ein möglichst gleichmäßiges, positives Wirtschaftswachstum zu bewirken.

Wesentliche Teilbereiche der Konjunkturpolitik sind die Fiskalpolitik, die Geldpolitik, die Außenwirtschaftspolitik und die Lohnpolitik. Hier wird nur die Fiskalpolitik behandelt, die auch als staatliche Konjunkturpolitk bezeichnet wird.

5.2 Aufgaben der Konjunkturpolitik

  • Leitziel: Bestmögliche Förderung der Wohlfahrt der Menschen.
  • Allgemeines Ziel: Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf allen Teilmärkten (Gütermarkt, Arbeitsmarkt, Geldmarkt).

Diese Aufgaben sollen durch die im Stabilitätsgesetz genannten wirtschaftspolitischen Ziele erreicht werden.

Wirtschaftspolitische Ziele

5.2.1 Ziele der Konjunkturpolitik: "Magisches Viereck"

Die Ziele der Konjunkturpolitik sind im Stabilitätsgesetz festgelegt, sie werden auch als das "Magische Viereck" bezeichnet (mit Anspielung darauf, dass sie nur mit "Magie" alle gleichzeitig erreicht werden können):

  1. Stabilität des Preisniveaus bedeutet Erhaltung des Geldwertes und wird mit Hilfe des Lebenshaltungskostenindex aller Haushalte ermittelt.
  2. Hoher Beschäftigungsstand bedeutet eine möglichst geringe Zahl von Arbeitslosen. Zur Messung wird die Arbeitslosenquote verwendet, die den Anteil der registrierten Arbeitslosen an der Zahl der abhängigen Erwerbspersonen angibt.
  3. Stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum wird durch die jährliche Veränderungsrate des realen BIP gemessen.
  4. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht liegt vor, wenn ein angemessenes Verhältnis zwischen Importen und Exporten besteht. Messgröße ist der Außenbeitrag (dieser ist die Differenz zwischen allen finanziellen Mitteln, die aus dem Inland ins Ausland fließen und denen, die aus dem Ausland ins Inland fließen). Angemessen bedeutet, dass er im Durchschnitt Null sein sollte, denn langfristig kann es zu Problemen führen, wenn der Außenbeitrag stets negativ ist (denn dann verschuldet sich eine Volkswirtschaft zunehmend und wird irgendwann die Zinsen nicht mehr tragen können) oder wenn er stets positiv ist (in diesem Fall vergibt eine Volkswirtschaft immer mehr Kredite ins Ausland, wozu es irgendwann nicht mehr bereit sein wird).

5.2.2 Zielbeziehungen innerhalb des "Magischen Vierecks"

Zwischen den wirtschaftspolitischen Zielen bestehen vielfältige und zum Teil gegensätzliche Beziehungen:

  1. Zielharmonie: Eine bestimmte wirtschaftspolitische Maßnahme dient mehreren Zielen gleichzeitig.
  2. Zielkonflikt: Eine bestimmte wirtschaftspolitische Maßnahme dient einem Ziel, schadet jedoch einem anderen.
  3. Zielkompromiss: Dem Ziel, das am meisten gefährdet ist, wird Vorrang gewährt.

In diesem Zusammenhang sind vier Beziehungen auszumachen:

  1. Zwischen den Zielen "stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum" sowie "hoher Beschäftigungsstand" besteht eine Zielharmonie, da wirtschaftliches Wachstum auch die Beschäftigung ansteigen lässt.
  2. Die zweite Zielharmonie besteht zwischen den Zielen "Stabilität des Preisniveaus" und "außenwirtschaftliches Gleichgewicht", da bei einem Überhang der Exporte der Geldkreislauf im Inland steigen würde, bei gleichzeitig sinkendem Güterkreislauf, was zu einer Inflation führen würde. Ein Überhang der Importe hat die gegenteilige Wirkung: Verknappung des Geldkreislaufs und größerer Güterkreislauf im Inland führen zu einer Deflation.
  3. Ein Zielkonflikt besteht zwischen dem Ziel der "hohen Beschäftigung" und der "Stabilität des Preisniveaus", da eine höhere Beschäftigung zu einem höheren Einkommen führt, das höhere Einkommen verursacht höhere Nachfrage in deren Folge erhöhte Inflation einsetzt. (Der Zusammenhang zwischen niedriger Arbeitslosigkeit und der Veränderung der Inflation wird als Phillips-Kurve bezeichnet, bzw. durch sie anschaulich dargestellt.)
  4. Der zweite Zielkonflikt besteht zwischen den Zielen "stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum" und "Stabilität des Preisniveaus", da bei Wirtschaftswachstum auch die Beschäftigung ansteigt und damit wiederum das Einkommen und die Nachfrage, dadurch wird eine höhere Inflation verursacht.

5.3 Arten der Konjunkturpolitik

Nach der Wirkung der Konjunkturpolitik lassen sich folgende Arten unterscheiden:

  • Expansive Konjunkturpolitik wirkt sich positiv auf das Wirtschaftswachstum aus.
  • Kontraktive Konjunkturpolitik wirkt sich negativ auf das Wirtschaftswachstum aus.

Nach der Wirkung in der aktuellen Konjunkturphase lassen sich folgende Arten unterscheiden:

  • Prozyklische Konjunkturpolitik wird betrieben um eine Entwicklung zu fördern und zu festigen.
  • Antizyklische Konjunkturpolitik soll einer Entwicklung entgegenwirken.

5.4 Fiskalpolitik

Der Staat betreibt Fiskalpolitik, wenn er fiskalpolitische Instrumente im Rahmen der Konjunkturpolitik einsetzt.

5.4.1 Fiskalpolitische Instrumente

Dem Staat stehen verschiedene Instrumente zur Steuerung der Konjunktur zur Verfügung:

  1. Staatsausgaben
  2. Abschreibungen (je höher die erlaubten Abschreibungsbeträge, um so höher die Investitionen)
  3. Steuern
  4. Schaffung günstiger Arbeits- und Produktionsumgebung (z.B. flexiblere Tarifverträge)
  5. Subventionen
  6. Sozialleistungen (verändern das verfügbare Einkommen und wirken sich dadurch auf den Konsum aus)

Je nachdem, welche wirtschaftspolitischen Ziele verfolgt werden, können diese Instrumente unterschiedlich geeignet sein.

5.4.2 Arten der Fiskalpolitik

Nach der Wirkung der Fiskalpolitik lassen sich folgende Arten der Fiskalpolitik unterscheiden:

  • Expansive Fiskalpolitik: Der Staat setzt seine Instrumente zur Förderung des Wachstums ein, indem er z.B. die Staatsausgaben erhöht und die Konjunkturausgleichsrücklagen auflöst und notfalls sogar Budgetdefizite in Kauf nimmt, um die Konjunktur durch Erhöhung der öffentlichen Ausgaben zu beleben (deficit spending).
  • Kontraktive Fiskalpolitik: Der Staat setzt seine Instrumente zur Dämpfung der Konjunktur ein, indem er z.B. Staatsausgaben senkt und Konjunkturausgleichsrücklagen bildet (surplus saving).

5.4.3 Probleme der Fiskalpolitik

  1. Bestehende Zielkonflikte machen es unmöglich, alle Ziele gleichzeitig zu erreichen. Damit ist der Staat gezwungen Prioritäten zwischen den Zielen zu setzen.
  2. Parlamentarische Hürden schränken die Handlungsfähigkeit des Staates ein. Einmal gewährte Privilegien lassen sich nur schwer wieder rückgängig machen.
  3. Indirekte Einflussnahme auf wirtschaftliche Größen macht es dem Staat schwer, wirtschaftliche Größen direkt zu beeinflussen. Der Staat hat nur durch die Staatsausgaben direkte Einflussnahme auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.
  4. Zeitliche Verzögerung der Maßnahmen, die auch aus der indirekten Einflussnahme resultiert, führt dazu, dass bestimmte Maßnahmen sich erst in Folgeperioden auswirken. Hat sich die Wirtschaftsentwicklung bis dahin umgekehrt, so wirken die staatlichen Maßnahmen kontraproduktiv.

5.4.3.1 Inflation

  • Inflation (von lat.: "das Sich-Aufblasen; das Aufschwellen") bezeichnet den Prozess anhaltender Preissteigerung (bzw. Geldentwertung), der die Kaufkraft der Geldes schwächt.
  • Inflationsarten

    Unterschieden nach Inflationsarten
    Erkennbarkeit
    • offene Inflation - äußert sich in reiner Preissteigerung
    • verdeckte Inflation - der Preis der Güter bleibt gleich (z.B. wegen staatlicher Regulierung), das Problem des Nachfrageüberhangs bleibt aber bestehen.
    Dauer
    • temporäre Inflation
    • permantente Inflation
    Ausmaß Hier gibt es zwei Einteilungsmöglichkeiten:
      • schleichende Inflation
      • beschleunigte Inflation
      • galoppierende Inflation
      • leichte Inflation (ca. 0-5%)
      • schwere Inflation (mehr als 5%)
  • Inflationsursachen

    1. nachfrageinduzierte Inflation (auch Nachfragesoginflation)

      Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage setzt sich aus der Nachfrage der Haushalte, der Unternehmen, des Staates und des Auslands zusammen (siehe Grafik). Erhöht einer dieser Marktakteure seine Nachfrage, ohne dass sich das Angebot sofort darauf einstellen kann, dann kann die erhöhte Nachfrage nur durch Preissteigerungen ausgeglichen werden, so dass es zu nachfrageinduzierter Inflation kommt.

      Haushalte Binnennachfrage Gesamtwirtschaftliche Nachfrage ==> nachfrageinduzierte Inflation
      Unternehmen
      Staat
      Ausland
    2. angebotsinduzierte Inflation (auch Angebotsdruckinflation)

      Der Angebotspreis eines Gutes setzt sich aus den Kosten, den Steuern und dem Gewinn zusammen. Erhöht sich eine dieser Komponenten, so spricht man von Kosteninflation, Steuerinflation oder Gewinninflation.

      Angebotspreis Kosten ==> Kosteninflation
      Steuern ==> Steuerinflation
      Gewinn ==> Gewinninflation
    3. importierte Inflation

      1. Auslandnachfrageinflation: Erhöhte Nachfrage aus dem Ausland lässt die Preise im Inland anziehen, da sich die Produktion nicht sofort auf die erhöhte Nachfrage einstellen kann.
      2. Exportüberschussinflation: Überschuss in der Außenhandelsbilanz führt dazu, dass durch den Exportüberschuss zusätzliche Geldmittel ins Inland fließen und zur selben Zeit der Güterkreislauf sinkt.
      3. Importpreisinflation: Steigen im Ausland die Preise für ein Gut, welches ins Inland importiert wird und wird die Preissteigerung nicht über Wechselkurse der Währung ausgeglichen, so muss das Inland zu höheren Preisen importieren (dies ist z.B. bei Erdöl der Fall).
  • Inflationsfolgen

    1. höhere Lebenshaltungskosten für Bezieher fester Einkommen
    2. Beeinträchtigung der Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes
    3. für Schulden gilt das Nominalwertprinzip, Nachteil für Gläubiger
    4. höhere Inflation führt zu mehr Beschäftigung
    5. außenwirtschaftliche Einflüsse bei festen Wechselkursen

5.4.3.2 Deflation

  • Verfall der Güter- und Faktorpreise, i.d.R. verbunden mit einer sich selbst verstärkenden Schrumpfung der wirtschaftlichen Aktivität.
  • Ursache ist ein Überhang des gesamtwirtschaftlichen Güterangebots über die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage. Der Angebotsüberhang verursacht sinkende Preise, die dazu führen, dass die Konsumenten weniger nachfragen in der Erwartung noch weiter sinkender Preise, es entsteht ein sich selbst verstärkender Prozess.
  • Folgen:
    1. Verminderung der Produktion
    2. steigende Arbeitslosigkeit

5.5 Grundkonzepte der Konjunkturpolitik

Bei der Konjunkturpolitik lassen sich im Wesentlichen zwei Grundpositionen unterscheiden: die nachfrageorientierte und die angebotsorientierte Konjunkturpolitik. Trotz deutlicher Unterschiede zwischen beiden Ansätzen ist es für die Wirtschaftstheorie nicht möglich, einem der Konzepte eindeutig den Vorrang einzuräumen.

5.5.1 Nachfrageorientierte Konjunkturpolitik

  • Basiert auf der Theorie von Keynes: Marktgleichgewicht ist auch bei Unterbeschäftigung möglich. Nachfrageschwäche der privaten Haushalte führt zu niedrigen Absatzerwartungen der Unternehmen und verhindert Investitionen.
  • Steuerung der Staatsausgaben - je nach Konjunkturlage - ermöglicht Stabilisierung der Gesamtnachfrage.
  • Antizyklische Politik: Entgegensteuerung durch kurzfristige Eingriffe.

Mögliche Maßnahmen:

  1. Steuersenkungen bzw. -anhebungen zur Beeinflussung der Konsumgüternachfrage
  2. Variation des Zinssatzes zur Beeinflussung der Konsum- und Investitionsgüternachfrage.
  3. Kompensation privater Nachfrage durch Staatsnachfrage.
  4. Staatliche Investitionen.

Nachteile nachfrageorientierter Konjunkturpolitik:

  1. Höhere Staatsquote
  2. Bürokratie steigt
  3. Zeitliche Verzögerung
  4. Hektische Entscheidungen ("stop-and-go-policy")
  5. Erhebliche politische Widerstände
  6. Gefahr einer hohen Staatsverschuldung

5.5.2 Angebotsorientierte Konjunkturpolitik

  • Basiert auf dem Sayschen Theorem: Jedes Angebot schafft sich selbst seine Nachfrage.
  • Investitions- und Produktionsklima soll für Unternehmen langfristig verbessert werden durch Stärkung von Leistungsanreizen und Abbau von Leistungshemmnissen.
  • Verstetigungspolitik: Stetige Beseitigung von Angebotshemmnissen.

Mögliche Maßnahmen:

  1. Verminderung von Steuern und Abgaben für Unternehmen und private Haushalte
  2. Ausgleich des Staatsbudgets auf niedrigem Niveau
  3. gemäßigte Lohnpolitik
  4. auf Preisstabilität bedachte Geld- und Kreditpolitik
  5. weitgehender Verzicht des Staates auf Eingriffe in die Märkte

Nachteile der nachfrageorientierten Konjunkturpolitik:

  1. Investitionsbereitschaft der Unternehmen fraglich
  2. gefährdet soziale Strukturen
  3. exakte Geldmengensteuerung nicht möglich
  4. Löhne sind nicht nur Kosten- sondern auch Nachfragefaktor
  5. bei mangelnder Kapazitätsauslastung werden die Unternehmen nur Rationalisierungsinvestitionen durchführen, dadurch wird die Beschäftigung weiter sinken
  6. Konsolidierung der Staatsfinanzen führt bei schlechter Konjunktur zu steigender Arbeitslosigkeit

5.6 Stabilisatoren

Stabilisatoren helfen dabei, die Konjunkturausschläge zu glätten.

  • Automatische Stabilisatoren haben, ohne Aktionen der Wirtschaftspolitik, eine antizyklische Wirkung auf den Konjunkturablauf. (Beispiele: Arbeitslosenversicherung, Lohn- und Einkommenssteuer, Umsatzsteuer)
  • Gesteuerte (halbautomatische) Stabilisatoren reagieren antizyklisch, wenn die Ist-Werte eine bestimmte Abweichung von den Soll-Werten aufweisen. Diese Reaktion kann entweder genau festgelegt sein oder aber auch im Ermessungsspielraum der Verantwortlichen liegen. (Fiktives Beispiel: Senkung der Mehrwertsteuer um 10 Prozent, wenn das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts weniger als 1 Prozent beträgt.)